Entwicklerblog SN: Revolution

  


Entwicklerblog Daniel (5): Der Entschluss

Der Sommer kommt. Die Entwicklung des Spiels tritt etwas in den Hintergrund. Bis ich mich Ende August beim Redakteur melde, der das Spiel in Göttingen mitgenommen hat. In seiner Mail-Antwort berichtet er, dass es Engpässe gibt – ein Kollege ist ausgefallen. Eine Reihe Spiele muss weiterbetreut werden, und noch kein neuer Prototyp gespielt. Es wird allmählich eng.

 

Der Entschluss

Weitere Tests bringen mehr Erfahrungen, vor allem das Handling im Spielverlauf wird vereinfacht. Ende September wird Crowdfunding (erneut) ein Thema. Erste Anfragen an Herstellerfirmen noch von Jahresbeginn hatten grauenvoll hohe Kosten pro Spiel ergeben. Alleine die Herstellung kostet aufgrund der kleinen Auflage beinahe so viel, wie man als Ladenpreis erwarten würde. Denn Werkzeugerstellung für Stanzbögen oder Druckvorlagenerstellung sind einmalige, relativ hohe Posten. Wie viele Exemplare hergestellt werden, fällt da kaum ins Gewicht. Aber ohne Vertriebsstrukturen (mit Groß- und Einzelhändlern, die wiederum ihren Teil vom Kuchen wollen) können wir keine größere Auflage herstellen lassen – wir würden drauf sitzen bleiben. Neue Fragen stellen sich: Geht es mit weniger Karten? Sind Stanzbögen für die Marker billiger als Holzscheiben? Wie groß darf die Schachtel werden? Auf Anfrage schicken uns mehrere Hersteller neue Zahlen – es könnte funktionieren. Trotz eher ernüchternder finanzieller Aussichten schlagen wir gemeinsam mit Felix zwei Wochen vor Essen den Pflock in den Boden. Wir wollen zum Juli 2013 rauskommen, verdammt!

 

Essen

Wir werden öffentlich. Ich überwinde mich zur schamlosen „self-promotion“ und laufe in Essen mit einem kaiserroten Schild herum: „Steam Noir Revolution! 2013“.

 

Das Schild. Man muss schließlich auffallen

 

Viereinhalb Tage lang treffe ich dutzende Autorenkollegen, Redakteuren, Spielern, von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Jeder, dem ich die Grundzüge des Spiel erkläre, Felix‘ Grafik zeige, von der Idee des Crowdfunding erzähle, findet die Idee „auf den Punkt“. Jeff Siadek aus Kalifornien bietet spontan an, wir sollen ihm eine große Kiste schicken, er verteilt die Spiele dann innerhalb der USA. Wow! Brian Robson, ein guter Freund der Lamont Brothers, für die ich zum dritten Mal die Spielregeln übersetze und am Stand den Dolmetscher spiele, meint, er würde das Spiel gerne testen und englische Texte Korrektur lesen. Wohai! Verschiedene Spiele-Redakteure bieten an, sich die deutschen Regeln anzusehen und abzuklopfen. Tadaa!!! Support von allen Seiten. Beim „Spiel des Jahres“-Empfang treffe ich den Redaktuer, der unser Spiel im Regal liegen hat. Er entschuldigt sich, weil es bei ihnen momentan einfach zu eng ist. Auch er findet die Crowdfunding-Idee absolut richtig. Es spricht ja nichts dagegen, dass sein Verlag (oder auch ein anderer) das Spiel nach der kleinen Erstauflage übernimmt …

 

Es wird konkret

Nach Essen werden die Pläne handfester. Eine Crowdfunding-Kampagne ist nicht mal eben so nebenher gemacht. Ein Blog soll her, das Spiel muss auf Boardgamegeek eingearbeitet, Aufgaben an Doris, Felix, Verena und mich verteilt werden. Felix entwirft neue Prototypen-Karten, die näher an den endgültigen Karten dran sind. Wir lassen Flyer drucken. Es geht los.

 

Auf der Stuttgarter Spielemesse Ende November ergeben Tests mit erfahrenen Spielern, dass es Wertungsschräglagen bei Extremstrategien gibt. Zwei Jugendliche spielen dreimal nacheinander mit mir, nach der zweiten Partie lassen wir weg, dass der Kaiser Marker erhält, wenn er eine Runde gewinnt. Das Spiel verliert so zwar an Eleganz (möglichst wenig Zusatzregeln), ist jetzt aber besser. Das Pendel von Reduktion und Ergänzung schlägt weiter hin und her, aber die Ausschläge werden immer geringer.

 

Spielemesse Stuttgart: Ich erkläre das Spiel (li.), Nico und Max spielen dreimal nacheinander …

 

Ich muss wieder „rechnen“, um auf die richtigen Werte für die Kaiserkarten zu kommen, weitere Feinheiten machen mehr Marker nötig, erweitern aber die Entscheidungsmöglichkeiten. Ich führe eine „5 +“-Karte ein, die den Wert der Kaiserkarten in der Tischmitte um 5 erhöht. Da die Kaiserkarten aber ohne diese Zusatzkarte für die Endwertung zählen, sind sie dort nun genau so schwach, dass das Ganze ausgewogen ist.

 

Doris ist für die finanzielle Seite und die Organisation der Produktion zuständig, ihre ausführlichen Telefonate mit „unserem“ Hersteller ergeben wieder neue Zahlen. Ups. Wird das Spiel zu teuer? Auf welcher Crowdfunding-Plattform starten wir überhaupt? International? Recherchen, Kalkulationen und Überlegungen für die Kampagne beginnen Zeit zu fressen. Genau wie die Blog-Beiträge samt Übersetzungen, die Brian zu englischen Texten aufpoliert.

 

Anfang Dezember bin ich Gast bei einer Spielegruppe in der Nähe von Stuttgart. Sieben Spieler (drei Zweiergruppen, einer alleine) steigern sich in die Revolution hinein, ich spiele nicht mit. Da sie sich gut kennen, laufen die kommunikativen Aspekte hervorragend. Einmal warten alle gespannt darauf, dass die Karten in die Mitte gelegt werden – und knallen dann allesamt gleichzeitig ihre Karten auf den Kaiser. Ein fast surrealer Moment. Ich überlasse ihnen den Prototyp, und bin gespannt auf weitere Berichte. Ich frage in meinem Spiele-Netzwerk nach, übersetze die Spielregeln, und noch vor Weihnachten haben 25 kompetente Spieler und Spieleautoren aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Spanien und Belgien pdf-Bastelset, Testspielbogen und aktuelle Regeln am Start. Ich freue mich schon auf Anmerkungen, Ideen, Balance-Aufgaben, etc.

 

„Steam Noir: Revolution“ lernt nicht mehr gehen, es nimmt Fahrt auf. Es scheint sogar Flügel auszubreiten.

 

Und hier ist Schluss mit dem „historischen“ Teil. 13 Monate nach den ersten konkreten Anfängen stehen wir in den Startlöchern für den nächsten Teil des Abenteuers. Ob das Spiel „abheben“ wird, werden aktuelle Blogeinträge dokumentieren. In diesem Sinne: „Viva la Revolución!“

 

Daniel



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